Die Geburtsstunde der Backnanger Schleuderbrettakrobaten

 

 

"Die Ottelos": Otto Rapp, Erich Fellmeth, Karl Kurz, Wilhelm Traub und Otto Haffner (von links). Links unten im Bild der Sessel, den Traub auf die Schulter nahm, um die Flieger nach geglücktem Salto auszufangen. Bei diesem zweiten Artisten-Wettbewerb waren auch Teilnehmer aus dem Saarland am Start. Über diese saarländischen Akrobaten schrieb Hans Karl Abel etwas patriotisch: Saarländer gaben zu ihrer Treue zum deutschen Vaterland recht herzlich Ausdruck und legten Zeugnis davon ab, dass auch unsere Brüder jenseits der willkürlich gezogenen Grenze zum deutschen Vaterland gehören und sich auch fernerhin als Deutsche fühlen werden."

 

 

Wie dem auch sei, wir Backnanger Kraftsportler sind den Männern von der Saar, genauer gesagt der Schleuderbrettgruppe aus Heiligenwald, zu größtem Dank verpflichtet. Der frühere Zirkusartist Pontius, den ich einige Jahre später meinen Freund nennen durfte, belegte mit seiner Gruppe den ersten Platz. Diese Art Akrobatik kam in Backnang so gut an, dass Wilhelm Traub und Otto Haffner spontan beschlossen, ein Schleuderbrett und einen Sprungturm anzuschaffen, um sich ebenfalls in dieser Kunst zu versuchen. Schon nach erstaunlich kurzer Zeit hatten sie die Sportgeräte in Eigenarbeit hergestellt, und so konnten Wilhelm Traub, Otto Haffner, Karl Kurz und die 15 und 16 Jahre alten Otto Rapp und Erich Fellmeth mit dem Training beginnen. Es war ein schweres Stück Arbeit, denn anfangs ist das aus Eschenholz gefertigte Brett viel zu oft gebrochen! Es dauerte lange, bis dieses Problem einigermaßen gelöst war. Danach stand ihrem ersten Auftritt, der auf Anhieb ein Erfolg war, nichts mehr im Wege. Sie gaben sich den Namen „Ottelos" - vermutlich deshalb, weil zwei von ihnen mit Vornamen Otto hießen.

 

Die Parterreakrobaten „Carlos" lösen die „Buarts" ab Zeitgleich mit den „Ottelos" entstand die Parterregruppe „Carlos“, die sehr gute und moderne Akrobaten waren. Bei Galaveranstaltungen traten sie mit Hut und Anzug auf und nannten sich „Die 4 Gentlemen“. Die „Buarts“ hingegen gaben auf.

Personalwechsel und ein zweites Schleuderbrett für die „Ottelos"

1933 schieden Karl Kurz und Otto Haffner bei den „Ottelos" aus. Für die beiden kamen der 12-jährige Hugo Öttinger, die gleichaltrige Emma Rapp (heute Gentner) und Wilhelm Müller (in Backnang besser bekannt unter dem Namen „Muham“) neu dazu. Zur selben Zeit schaffte man sich ein zweites Schleuderbrett an, das den „Ottelos“ die Möglichkeit gab, wesentlich effektvollere und schwierigere Kunststücke anzupacken. Als dann ich 1934 als achtjähriger Frechdachs Mitglied der fliegenden Matrosen, wie man die „Ottelos“ wegen ihrer Auftrittskleidung nannte, werden durfte, da hatten sie endlich den lange gesuchten Knirps, den sie noch etwas höher als die anderen in die Luft schleudern konnten. Und hier beginnen meine Schwierigkeiten! Wie schildere ich die weiteren Ereignisse, ohne mich dem Verdacht des Selbstlobs auszusetzen? Nun, ich fürchte, auch bei größter Zurückhaltung wird mir das nicht gelingen. Deshalb zögere ich, ob ich erzählen soll, wie ich zu den „Ottelos" gekommen bin?

Meine Freunde meinen, ich soll

 

Vor einem Neubau in der Wilhelmstraße lag ein hoher Sandhaufen und darauf sprangen wir Kinder aus dem Fenster der ersten Etage. Ich, als der Kleinste, wollte wie immer der Größte sein und sprang aus dem Fenster des zweiten Stocks. Das sah ein finster dreinblickender Mann und schnauzte mich an: „Wie heißt du?“ Ich stotterte meinen Namen. „Hast du Turnschuhe?" Ich verneinte. „Du kommst am Sonntagmorgen pünktlich um 10 Uhr in die alte Turnhalle an der Stuttgarter Straße, aber mit sauberen Socken!“ Dieser Raubauz war Wilhelm Traub, der Boss der Schleuderbrettler! Am darauf folgenden Sonntag sah ich dann zum ersten Mal ein Schleuderbrett, und mit sauberen Socken an den Füßen durfte ich ein bisschen mitspringen. Ich war hell begeistert. Einige Tage später staunte ich nicht schlecht, als ich von meinen Eltern ein paar Turnschuhe bekam, obwohl diese in meiner Familie eigentlich zu den unerschwinglichen Luxusartikeln zählten.

 

Die erste Sportstätte der Kraftsportler am heutigen Adenauerplatz. Links die Sporthalle, in der Mitte der Turm der Feuerwehr und rechts das Gasthaus "Rössle".

 

Die "Ottelos" und ihr Weg zur Kunstkraftsport-Elite

Die Siegermannschaft der "Ottelos" aus dem Jahr 1935: Wilhelm Traub, Emma Rapp,Eugen Weiß und - verdeckt - Wilhelm Müller (stehend von links) sowie Otto Gier, Erich Fellmeth und Hugo Öttinger (in der Luft von links). Nach exakt einem Jahr meines Dabeiseins haben wir dann 1935 in Botnang den württembergischen Meistertitel im Kunstkraftsport erringen können. Wenn man der damaligen Sportpresse glauben darf, dann habe auch ich, der „Ottole“ als „lebendiger Gummiball", wie eine Zeitung schrieb, meinen Teil dazu beigetragen. Als dann Otto Rapp nach seinem abgeleisteten Wehrdienst seinen angestammten Platz wieder eingenommen hat, ist Eugen Weiss ausgeschieden. Emma Rapp ging auch, da ihre Lehrstelle ihr keine Zeit mehr zum Training ließ. Jetzt erhöhten wir - als amtierende Württembergische Meister - unser Trainingsprogramm drastisch, übten noch fleißiger und nahmen schwierigere Tricks in unser Programm auf. Zum Glück hatten wir keine ernsthaften Verletzungen zu beklagen, sodass wir 1936 mit großem Selbstvertrauen zu den deutschen Meisterschaften im Kunstkraftsport nach Bamberg fuhren. Was wir insgeheim erhofft hatten, uns aber niemand zugetraut hatte, trat dann überraschend ein: Wir wurden Deutsche Meister! Das war für eine Stadt wie Backnang mit gerade mal 11000 Einwohnern eine kleine Sensation. Die Siegermannschaft bestand aus folgenden Personen: Wilhelm Traub, der Chef - ein bulliger und etwas sturer Untermann, Wilhelm Müller - ein zuverlässiger Springer und Fänger, Erich Fellmeth - ein eleganter und sicherer Flieger, Otto Rapp - ein waghalsiger, aber etwas übermütiger Saltoschläger, Hugo Öttinger - ein junger, gut aussehender Flieger und Handständler und ich - der Jüngste, Leichteste und Kleinste im Bunde. In der „Bamberger Zeitung“ war zu lesen: „Die Gefeierten des Abends waren die Schleuderbrettler „6 0ttelos“, die einzige in Deutschland dastehende Doppelschleuderbrettgruppe mit ihrem Gummiball, der Otto. Wer sie nicht kennt, würde wohl sagen, das sind 6 vom Varieté. Das trifft jedoch nicht zu, alle stehen tagsüber in der Gerberei oder am Schraubstock, und nur die Abende widmen sie mit Liebe dem Sport."

 

 

 

 

Deutsche Meister 1936: Erich Fellmeth, Otto Rapp, Hugo Öttinger, Otto Gier, Wilhelm Traub und Wilhelm Müller (von links) Bei unserer Rückkehr von Bamberg sind wir vom Kraftsportverein und einem Teil der Bevölkerung schon auf dem Bahnsteig des Backnanger Bahnhols empfangen worden - um dahin zu kommen, brauchte man damals noch eine Bahnsteigkarte. Ich bekam von einem kleinen Mädchen mit Zöpfen ein Blumensträußchen und danach einen roten Kopf, denn dieses Mädchen hat mich gefragt, ob ich sie, wenn sie größer wäre, heiraten würde. Übrigens in Bamberg bin ich zum ersten Mal mit einer neuen Frisur

aufgetreten - mit Stehhaaren! In einer Zeit, in der es für jugendliche nur drei Frisuren - Glatze, Simpelfransen oder Scheitel - gab, war auch das eine kleine Sensation.

 

 

Bei den nächsten deutschen Meisterschaften, die 1937 in Ahlen/Westfahlen stattfanden, belegten wir trotz einer guten Leistung nur den dritten Platz - vielleicht weil wir nach einer strapaziösen Bahnfahrt, bei der wir bei jedem Umsteigen unsere schweren Sportgeräte von einem Gepäckwagen zum anderen schleppen mussten, etwas müde waren. Aber auch wenn wir nicht ganz oben auf dem Treppchen standen, die Publikumslieblinge waren wir allemal. Die deutschen Meisterschaften hießen in jener Zeit noch Reichswettkämpfe und die Siegerurkunden zierten Reichsadler und Hakenkreuz. Der Kunstkraftsportobmann hatte den langen Titel „Reichsfachamtssportwart für Kunstkraftsport“, und anstelle der sonst üblichen Pokale wurden nur noch Hitlerbüsten verliehen.

Die "Ottelos" werden zu Großveranstaltungen verpflichtet

Im Frühjahr 1938 wurden wir von der „Gaudienststelle für Großveranstaltungen“ für so genannte „Bunte Abende“ in größeren Hallen verpflichtet. Von da an standen wir mit vielen bekannten Künstlern auf der Bühne und lernten auch Nazigrößen kennen, denn die Parteiprominenz war immer präsent. Einen dieser Auftritte hatten wir in Dessau. Die „Dessauer Zeitung" schrieb über unser Gastspiel: „Mit stürmischem Beifall wurden die Deutschen Meister von 1936, die „6 Ottelos“ empfangen. Die Spannung wuchs von einem Trick zum andern. Unübertreffbar waren diese Leistungen der Schleuderbrettler, sie waren die gefeierten Helden des Abends und unaufhörlicher Beifall wurde ihnen zum Zeichen ihres Könnens gezollt. Der Jüngste der Artistengruppe zeigte als Dreingabe einen 3fachen Salto vom Schleuderbrett.“ Ich gebe zu, der 3fache Salto ist mir damals nicht immer geglückt. Oft brachte ich nur eine zwei- oder zweieinhalbfache Drehung zustande. Das war jedoch nicht weiter schlimm, denn ich musste ja nicht auf dem Boden landen, sondern bin von zwei Kollegen aufgefangen worden. Im Juli 1938 konnte dann - zu unserer großen Freude - die neu erbaute Stadthalle in Backnang eingeweiht werden. Damit stand uns eine wesentlich bessere Trainingsmöglichkeit zur Verfügung. Ich glaube, es erübrigt sich zu sagen, dass wir bei der Stadthallen-Einweihung im Festprogramm mitwirkten.

 

Die neu erbaute Backnanger Stadthalle Die meisten Engagements zu großen Aufführungen bekamen wir durch die Organisation „Kraft durch Freude“, die im Hitlerdeutschland mit Festivitäten und organisierten Reisen die kleinen Leute bei Laune zu halten hatte. Bei einem solchen Einsatz in Mannheim ist Erich Fellmeth während eines Auftritts schwer verunglückt. Um unsere laufenden Verträge erfüllen zu können, mussten wir schnell von sechs auf fünf Personen umstellen. Deshalb reichte es im November 1938 bei der letzten deutschen Meisterschaft vor dem Kriege, die in Stuttgart-Untertürkheim ausgetragen wurde, wieder nur zu Bronze!

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs und die Folgen

Mitte 1939 wurden die meisten wehrfähigen Männer zum Militär einberufen. Der Krieg stand unmittelbar vor der Tür. Das war das Ende der „Carlos“ und der „Rellons“. Dafür haben wir die „Buarts“ wieder zum Leben erweckt. Mit Wilhelm Traub, Wilhelm Müller und mir entstand eine kombinierte Parterre-Wurfakrobatik. Meinen ersten großen Auftritt mit dieser Zweitnummer werde ich nie vergessen. Ein im Programm mitwirkendes Ballett setzte sich vor der Bühne, um uns zuzuschauen. Die beiden Kraftprotze Müller und Traub warfen mich mit Schwung fast drei Meter hoch, um mich nach einem Doppelsalto wieder aufzufangen. Leider schauten meine Sportkameraden auf die kurz-berockten Beine der Tänzerinnen anstatt auf mich und ließen mich unsanft auf den Boden krachen. Traub tat so, als wäre das von uns so einstudiert worden und mein väterlicher Freund „Muham" wischte mir im Vorbeigehen das Blut von der Nase und sagte: „Lacha Bua, lacha!“ Die Ballettmädchen waren empört, wie meine beiden erwachsenen Kollegen mit mir umgingen - mit mir, dem kleinen, knapp dreizehn Jahre alten Jungen. Sie nahmen mich mit in ihre Garderobe und trösteten mich mit Schokolade, während sie ungeniert aus ihren Kostümen und aus ihrer Unterwäsche schlüpften. Keine der Tänzerinnen bemerkte, dass ich meine Erregung kaum noch verbergen konnte, aber besonders weh tat mir, dass ich als Kind betrachtet wurde, obwohl ich mich doch schon so erwachsen fühlte. Da Wilhelm Traub wegen eines Herzfehlers nicht kriegstauglich und Wilhelm Müller bei der städtischen Polizei war, konnten wir „Ottelos“ glücklicherweise noch eine kurze Zeit zusammenbleiben. Als dann jedoch Otto Rapp Soldat werden musste, nahm Anneliese Krieger, die schon vorher ständig mit uns trainiert hatte, seinen Platz ein. Für Hugo Öttinger, der 1941 einberufen wurde, kam mein Freund und Schulkamerad Adolf Grimmer zum Einsatz. Die beiden machten ihre Sache ausgezeichnet. In dieser Besetzung bewältigten wir noch einige Auftritte, bis dann auch Wilhelm Müller zu den Fahnen eilen durfte. Danach warf Wilhelm Traub das Handtuch.

Die Jugend macht sich selbstständig

Ich - inzwischen fast sechzehn Jahre alt - gab nicht auf. Mit meinem Schulkameraden Adolf Grimmer, Hans Breyer, Hermann Sanzenbacher (ein Spitzenfußballer und späterer Regionalligatrainer der TSG-Backnang) und der ein Jahr älteren Anneliese Krieger stellte ich eine neue Mannschaft zusammen. Als im Januar 1943 noch einmal eine württembergische Meisterschaft stattfand, belegten wir den ersten Platz!

Das endgültige Aus

Dieser Januar 1943 war aber nicht nur der Monat der letzten württembergischen Meisterschaft - es war auch der Monat, in dem sich in Stalingrad der Krieg zu unseren Ungunsten wendete. Im Februar verkündete Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast unter tosendem Beifall den „totalen Krieg." Danach brach der Sportbetrieb in ganz Deutschland fast völlig zusammen. Sport gab es jetzt nur noch in Uniform zur so genannten Wehrertüchtigung. Dann bin auch ich zu den Fahnen „geeilt worden." Ich kam zuerst zum Reichsarbeitsdienst, dann zu den Panzergrenadieren und schließlich wegen fehlender Panzer zu den Grenadieren. Wenig später war ich mit der Unteroffiziersschule Striegau an der Ostfront und zum Schluss Verteidiger von Breslau. Es folgte die Kriegsgefangenschaft als Hauer in einem ukrainischen Bergwerk. Ich, der Bubi, der ich noch war, durfte insgesamt zwei Jahre lang für etwas kämpfen, das ich gar nicht wollte, und zweieinhalb Jahre für etwas büßen, das ich gar nicht getan habe.